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PRAXIS
Lebensqualität in Städten
GELDWERTER Softfaktor
Jeder spricht davon, jeder versteht ein bisschen etwas anderes darunter. Dennoch entscheidet die Lebensqualität einer Stadt auch über ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Lebensqualität ist ein Schlagwort, das inzwischen in viele Bereiche Eingang gefunden hat. Vor allem Werbe- und Marketingfachleute lieben diesen Begriff – verständlicherweise, denn in einer Zeit, in der kaum jemand wirklich etwas noch lebensnotwendig braucht und das Angebot in jeder Hinsicht vielseitig ist, erscheint das Versprechen, mehr Lebensqualität zu bieten, das seelische und körperliche Wohlbefinden zu steigern, als unschlagbare Waffe. Mehr Lebensqualität für den Kunden und dafür mehr Umsatz für den Produzenten oder Dienstleister – das ist kurz gefasst die Überlegung.
Lebensqualität als Wettbewerbsvorteil Nun stehen nicht nur Produkte und Dienstleistungen im Wettbewerb miteinander, sondern auch Städte. Sie konkurrieren um Investoren und ansiedlungswillige Unternehmen, für die in erster Linie „harte Fakten“ zählen und die so genannten weichen Standortfaktoren, zu denen auch die Frage der Lebensqualität zählt, meist nur das „Sahnehäubchen“ sind. Der demografische Wandel mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft und einem Rückgang der Bevölkerung schafft jedoch eine neue Konkurrenzsituation: Die Stadt, die es versteht, vor allem junge Leute nicht nur zu halten, sondern zusätzlich anzuziehen, hat inzwischen einen eindeutigen Standortvorteil.
Doch das ist noch nicht alles: Die Zeiten, als der Wettbewerb der Standorte sich nur auf die Städte eines Landes untereinander beschränkte, sind lange vorbei. Im Zeitalter der Globalisierung und der weltweiten digitalen Vernetzung müssen sich beispielsweise die deutschen Metropolen Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, München auch an Paris, London, Madrid, Mailand und allen anderen Metropolen Europas und der Welt messen lassen. Eine Stadt, die ein internationales Unternehmen ansiedeln will, muss daher in puncto Lebensqualität einiges zu bieten haben, denn je weniger attraktiv ein Standort aus der Sicht der Menschen ist, die dort leben und arbeiten sollen, desto mehr muss das Unternehmen bei seinen Mitarbeitern Überzeugungsarbeit leisten, sprich: mögliche Nachteile finanziell ausgleichen.
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Foto: Auch wer nie in Oslo war, weiß, dass Aker Brygge die Flaniermeile der Stadt ist. Mit der Neu- und Umnutzung von Bestandsgebäuden und einer vorsichtigen Ergänzung durch Neubauten entstand hier ein innerstädtischer Bereich, in dem sich die Menschen zu allen Jahreszeiten gern aufhalten. |
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Internationales Rating der Lebensqualität Genau unter diesem Gesichtspunkt unterzieht das Beratungsunternehmen Mercer Human Resource Consulting 215 Städte in aller Welt jährlich einem Ranking. Dabei werden 39 Kriterien zur Beurteilung der Lebensqualität aus der Sicht von ins Ausland entsandten Mitarbeitern herangezogen. Diese Kriterien umfassen politische, soziale, wirtschaftliche sowie umweltorientierte Faktoren und betrachten die Gesundheitsversorgung ebenso wie das kulturelle und Bildungsangebot, das öffentliche Transportsystem, die Sicherheit und die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Das Ergebnis der Studie mag manchen überraschen, der zumindest unter den Top-Ten-Standorten London, Paris und New York erwartet hätte, Städte, die im allgemeinen als „hip“ gelten, die jedoch nur Rang 33, 39 und 46 einnehmen. Dafür liegt an der Spitze der Städte mit der höchsten Lebensqualität Zürich, das – allen Bemühungen um ein modernes Image zum Trotz – immer noch als eher bieder gilt, gefolgt von Genf, Vancouver und Wien. Auch die Reihenfolge der deutschen Städte überrascht, denn Düsseldorf (6) und Frankfurt am Main (7) rangieren noch vor München (8) und Berlin (16) und Nürnberg (23) vor Hamburg (26). Von den skandinavischen Städten liegt an der Spitze Kopenhagen (11), gefolgt von Stockholm (19), Helsinki (29) und Oslo (31). Subjektiv wird mancher dieser Liste nicht folgen mögen, aber Mercer hat – nach eigenen Aussagen – die „Quality of Living“ und nicht die „Quality of Life“ bewertet, ein feiner Unterschied, den das deutsche Wort „Lebensqualität“ nicht erkennen lässt. Das gewisse Etwas, das den Reiz einer Stadt ausmacht und für manchen die „Quality of Life“ erhöht, ist eine mehr oder weniger subjektiv empfundene Eigenschaft, die objektiv nicht gemessen werden kann. Andererseits kann genau diese „Prise Pfeffer“, die in manchen Städten so auf- und anregend wirkt, beim Ranking der „Quality of Living“ zu Punktverlusten führen.
Damit zeigt sich bereits eine erste Schwierigkeit bei der Definition dessen, was „Lebensqualität in Städten“ bedeutet und was dazu beiträgt. Dennoch gibt es zumindest einige Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Stadt oder ein Quartier zumindest eine „Quality of Living“ hat und sich dann daraus auch eine „Quality of Life“ entwickeln kann. Die DIFA Deutsche Immobilien Fonds AG in Hamburg hat europaweit einen Award „Lebensqualität in Quartieren“ ausgeschrieben, dessen Gewinner auf der EXPO REAL bekannt gegeben werden sollen. 31 Projekte aus zehn europäischen Ländern sind nominiert, wobei das Spektrum von Finnland bis Italien sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagten.
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Foto: Für eine Erneuerung der Städte bieten sich unter anderen nicht mehr genutzte Industrieflächen an. Ein Beispiel dafür ist Hammarby Sjöstad in Stockholm: Hier entstand ein moderner, lebendiger Stadtteil, der durch seine Lage am Wasser noch zusätzliche Attraktivität gewinnt. |
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Umgekehrt gab und gibt es immer noch Bereiche in der Stadt, in der sich bevorzugt Industrie und Gewerbe ansiedelten, in deren Umfeld aber niemand wohnen wollte. In der Innenstadt wiederum, in die man zum Shoppen fuhr, herrschte zwar während der Geschäftszeiten reges Leben, aber da hier kaum noch jemand wohnte, war sie spätestens nach Geschäftsschluss weitgehend ausgestorben.
Rückkehr zum Ideal der europäischen Stadt Inzwischen hat man sich allerorten längst darauf besonnen, die Innenstädte neu zu beleben, hier nicht nur Einzelhandelsund Büroflächen, sondern zunehmend auch wieder Wohnraum zu schaffen und durch ein entsprechendes Angebot an gastronomischen und Freizeiteinrichtungen die Innenstädte auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten zu einem Ort zu machen, an dem „immer etwas los ist.“ Kurz gesagt: Man ist zum Ideal der europäischen Stadt zurückgekehrt, deren Hauptmerkmal die Funktionsmischung ist.
Die Mischung der Funktionen ist sicher eine Grundvoraussetzung, führt aber nicht zwangsläufig dazu, dass Menschen sich in einer Stadt oder einem Quartier wohl fühlen. Eine weitere Voraussetzung ist eine soziale und kulturelle Vielfalt. Vor allem die soziale Vielfalt ist ein ganz entscheidender Punkt. Sie bietet zwar manche Reibungsflächen, doch eine Integration unterschiedlicher sozialer Gruppen bringt auch Farbe in eine Stadt oder ein Quartier und eben jene kulturelle Vielfalt, die wohl jeder bejaht. Soziale Vielfalt bedeutet nicht nur, dass man soziale Brennpunkte vermeidet – Bereiche, aus denen alle, die können, wegziehen und nur diejenigen bleiben, die keine andere Chance haben –, es bedeutet auch, dass Junge und Alte, Familien mit Kindern und Singles, Yuppies und Arbeiter, Einheimische und Immigranten auf selbstverständliche Art zusammentreffen und einander kennen lernen.
Die Rückeroberung des öffentlichen Raums Dazu jedoch bedarf es öffentlicher Räume, die so gestaltet sind, dass die Menschen sich hier wohl fühlen. Das ist nicht der schmale Bürgersteig neben einer vierspurigen Straße oder der verkehrsumtoste Platz, an dessen Rändern gerade noch Raum für Fußgänger bleibt. Es ist auch nicht die mehr oder weniger verwahrloste Grünfläche, die bestenfalls noch als Hundeklo dient. Auch in diesem Punkt haben Städte und Quartiere oftmals „Erneuerungsbedarf“, denn das lange Zeit gültige Konzept der autofreundlichen Stadt hat die Menschen buchstäblich an die Ränder gedrängt und zur „Unwirtlichkeit der Städte“ beigetragen.
Wie mit der Rückeroberung des öffentlichen Raums und der Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs das Leben in Straßen und auf Plätzen wieder pulsiert, verdeutlicht der Architekt und Stadtplaner Jan Gehl, Leiter des Department of Urban Design der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen, in Büchern und Vorträgen nicht nur am Beispiel seiner Heimatstadt. Die „Rückeroberung“ des öffentlichen Raums und eine durch Begrünung und geschmackvolle „Stadtmöblierung“ hohe Aufenthaltsqualität der Straßen und Plätze führt dazu, dass nicht nur immer mehr Menschen immer länger hier verweilen, es macht sich auch bezahlt: Denn genussvolles Bummeln verführt dazu, in Straßencafes und Restaurants einzukehren, ebenso erhöht sich die Frequenz in den Geschäften und damit nachweislich der jeweilige Umsatz.
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Foto: Verkehrsberuhigte Zonen in den Innenstädten wie hier in Chemnitz laden zum genüsslichen Bummeln ein. Eine auch wirtschaftlich positive Folge ist, dass sich die Menschen öfter und länger in der Innenstadt aufhalten und Geschäfte und gastronomische Einrichtungen entsprechend häufiger frequentiert werden. |
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Identifikation fördern Zur Lebensqualität des Einzelnen gehört aber auch, dass er sich mit seiner Stadt und seinem Quartier identifizieren kann. Der Wandel, den viele Städte derzeit vollziehen und der auch manchen Stadtteil nachhaltig verändert, ruft bei vielen Menschen zunächst ein gewisses Maß an Skepsis hervor, vor allem, wenn über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Sie sind es schließlich, die später mit den Ergebnissen leben müssen und die am besten wissen, wo Verbesserungen dringend nötig sind. Dass sich die Mitwirkung der Menschen bei den Planungen positiv auf die Realisierung eines größeren Projekts auswirkt, haben viele Städte und Investoren inzwischen erkannt. War es anfangs oft nur die Befürchtung, dass spätere Klagen ein Projekt zeitlich verzögern und damit Geld kosten könnten, die eine Bürgerbeteiligung ratsam erscheinen ließ, so hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Menschen, die sich mit ihrem Umfeld identifizieren, dieses auch anders nutzen und ihrerseits darauf achten, dass seine Attraktivität erhalten bleibt.
Nicht nur sprachlich ist der Begriff Identifikation mit Identität verwandt. Die Identität einer Stadt hat sicher viele Facetten, hängt aber auch damit zusammen, wie man mit gewachsenen Stadtstrukturen und Bestandsgebäuden umgeht. Sie gehören zu der Geschichte des Einzelnen wie der gesamten Stadt, sie sind ein vertrautes Umfeld. Sicher, nicht alle älteren Gebäude können erhalten werden, in manchen Fällen kann ein Abriss endlich auch einen „Schandfleck“ beseitigen, doch was immer an Neuem geplant wird, sollte das Alte so weit wie möglich mit einbeziehen und zugleich neue architektonische Qualitäten schaffen. Uniforme Einheitssiedlungen sind ebenso langweilig wie auf Dauer jene Glasfassaden der Bürogebäude, die sich derzeit so großer Beliebtheit erfreuen.
Zugegeben, jede Stadt steht bei ihrer Erneuerung vor schwierigen Aufgaben, und leere Kassen machen diese Aufgabe nicht einfacher. Aber wie in der Wirtschaft Stillstand tödlich sein kann, so auch in den Städten: Sie haben sich seit ihrem Bestehen immer schon verändert und müssen es auch weiter tun, wollen sie nicht in Bedeutungslosigkeit versinken. Sie für ihre Bewohner so attraktiv wie möglich zu gestalten, wird sich langfristig auch in Euro und Cent auszahlen. Denn nur mit einer gewissen „Quality of Living“ wird sich auch die „Quality of Life“ der Menschen erhöhen und die Stadt zu einem für alle begehrten Standort machen.
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Das Thema auf der EXPO REAL 2006 Dienstag, 24. Oktober 2006 PLANNING & PARTNERSHIPS FORUM Halle C2 10.00 bis 13.00 Uhr
DIFA-Forum 2006: Europäische Städte im Aufbruch
Für detaillierte Informationen klicken Sie hier. |
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